20.05.2012 Pfr. i.R. Taegert: Exaudi

Predigt Exaudi 20.05.12

Jeremia 31, 31 - 34 “Rent an Intermediator – Lass dich als Fürbitter adoptieren”

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Zwischen der Himmelfahrt Christi und der Ausgießung des Hl. Geistes an Pfingsten gibt es nun diesen besonderen Sonntag mit dem Namen „Exaudi“. Ja, sein Name klingt wie eine bekannte Automarke, das ist kein Zufall. Der Autofabrikant August Horch hatte vor gut 100 Jahren durch einen Zwickauer Gymnasiasten die Idee, seinen Namen ins Lateinische umzubenennen, ähnlich wie im Psalm 27: Horch, höre, auf Lateinisch audi! Höre meine Stimme wenn ich rufe, so spricht der Psalmbeter zu Gott: „Exaudi, Domine, vocem meam, qua clamavi ad te“. Genial, ein Autoname wie ein Gebet. Gern nutzt die Werbung bis heute religiöse Formeln. Und manchmal beten wir schwachen Menschen unser Auto und überhaupt das Materielle wirklich an, wie etwas Religiöses, Göttliches. Unser materieller Wohlstand, das Goldene Kalb des 21. Jh., ihm opfern wir vieles Menschliche.

In unserm Predigttext erinnert Jeremia an diese Verirrung des Menschen: Der Bund, den die Menschen nicht gehalten haben. Damals war es ein mit Gold überzogenes Stierbild, dass sie an Gottes Stelle angebetet haben. Doch mit dieser Verirrung hat der Mensch sein einmaliges Verhältnis zu Gott aufs Spiel gesetzt: Diesen großartigenBund, das Geschenk eines Vertragsverhältnisses zwischen Gott und den Menschen, den Gott mit den Vätern des Volkes Israel geschlossen hat, als er sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen; es ist ein Bund, von dem Gott sagt, dass die Menschen ihn nicht gehalten haben, obwohl Gott doch ihr Herr war.

Wenn Jeremia auf diesen alten Bund zurückblickt, dann will er, dass wir trotzdem mit neuer Erwartung uns Gott zuwenden und ihn anrufen, „Exaudi, Domine, vocem meam - Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe“.
Zu solchem Anrufen und Beten will so kurz vor Pfingsten der heutige Sonntag Exaudi uns anstiften.

Ja, obwohl wir Menschen uns innerlich und äußerlich oft so weit von Gott entfernen, sollen wir doch das Hoffen und Warten nicht abschreiben. Gott will vergeben, das heißt: Neue Brücken bauen. Wir sollen nicht denken, es kommt nichts mehr. Wir sollen in unserm Leben noch etwas erhoffen und erwarten, eben nicht nur ein prestigeträchtiges Auto, nicht nur noch tollere materielle Gegenstände. Sondern wir sollen etwas erwarten von Gott. Er, der seine Menschenkinder an der Hand nimmt, um sie aus ihren Knechtschaften zu erlösen, soll das auch mit uns heute tun. 

Ja, wir leiden unter unsern Knechtschaften. Unsre heutige Art zu leben fordert unsere ganzen Kräfte. Dieses Leben mit seinem Glückstreben und Wohlstand, um es erringen und am Laufen zu halten, sind wir einen Dauerstress versetzt. Der Stress erschöpft uns und macht und müde. Wir laufen wie der Hamster im Rad. Wir sollen wieder aufatmen und frei genießen, was wir uns da schaffen.

Was sollen wir von Gott erwarten: Nicht weniger als eine Umformung des Menschen. So ähnlich, wie wenn Audi ein neues Modell herausgibt. Aber nicht nur ein bisschen Kosmetik außen am Blech, schwungvollere Kurven, neue Scheinwerfer, noch mehr PS; nein, es geht diesmal ganz tief unter die Haube. Ein völlig neuer Antrieb soll her, eine ganz neue Energieart soll genutzt werden: Nicht mehr die alte Technik, mit über 600 sorgfältig zu beobachtenden Einzelanweisungen, sondern das soll der neue Bund sein, den Gott mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Beim neuen Auto bleibt vieles äußerliche Kosmetik auch nach einem Modellwechsel. Unter der Haube nutzen wir im Prinzip immer noch die alte Technik von vor über 100 Jahren. Bis heute ist es nicht gelungen, wirklich einen überzeugenden neuartigen Antrieb zu schaffen. Wir verlagern nur die Probleme. Auch ein Elektroauto würde das Problem nur verlagern, von der Straße ins Kraftwerk.

Wie ist aber dann erst beim Menschen eine Umformung zu schaffen? Der Mensch ist ja kein Auto, das man mit entsprechenden technischen Mitteln vielleicht doch einmal grundlegend umkonstruieren könnte. Ein Mensch ist ja nicht nur Materie, Fleisch, wie die Bibel sagt, sondern er ist auch ein geistiges Wesen. Wie kann er umgeformt werden?

Beim ersten Bund zur Zeit des Moses hat Gott seine Hoffnung darauf gesetzt, dass er unter allen Völkern der Welt ein Volk ausgewählt und es an Kindes statt adoptiert, so hat er auf einen geistigen und geistlichen Durchbruch gehofft. „Israel, du sollst mein Sohn sein“; „In dir sollen sich alle Menschen segnen“. Wenn man jemanden adoptiert, dann hofft man ja, dass etwas vom Geist der Familie auf den Adoptierten übergeht. Gottes Volk, Gottes Kinder, Gottes Familie, das soll nicht nur ein Name sein, sondern das soll der Adoptierte auch als eine Verpflichtung empfinden. Das Leben der einzelnen Menschen soll etwas ausstrahlen von der Heiligkeit Gottes; unser Verhalten soll etwas widerspiegeln von Gottes Liebe und von seiner Versöhnungsbereitschaft. 

Kann solche Umformung gelingen? Der Menschenkenner Moses war von Anfang an skeptisch. Er wusste, die Menschen würden zwar dankbar Gottes Segen nutzen und sein Erbe antreten, aber sie würden nicht entsprechend seinem Willen leben. Sie würden immer nur unzufrieden meckern, wie kleine Kinder, und Gott kritisieren. Deshalb hat Mose das Adoptionsformular damals in seiner Tora mit lauter Vorschriften abzusichern versucht, nicht nur mit den 10 Geboten, sondern mit 613 Anweisungen im ganzen, davon 248 Gebote und 365 Verbote, für jeden Tag eines. Doch machen Vorschriften uns wirklich zu neuen Menschen? Wie ist das in der Ehe: Kann wohl ein noch so ausgeklügelter Ehevertrag sicherstellen, dass die beiden sich verstehen und beisammen bleiben? Ist es nicht so: Was nicht im Herzen ist, bleibt toter Buchstabe?

Bei seinem zweiten Bund hat Gott es deshalb anders gemacht und seinen Geist mit ins Spiel gebracht. Der Geist macht lebendig. Gott hat diesmal nur einen einzigen aus dem Gottesvolk adoptiert: Jesus und ihn mit seinem Geist ausgerüstet. „Du bist mein lieber Sohn,“ sagt er bei sei seiner Taufe, „an dir habe ich Wohlgefallen“.

Und das sagen und glauben nun die Christen: Einer ist nun da, dem Gott seinGesetz wirklich ins Herz gegeben und in den Sinn geschrieben hat. Wir sollen uns Jesus zu Herzen nehmen und uns ihm anschließen, dann verwandeln wir uns als Menschen wirklich. Das Geheimnis ist, dass Jesus ja nicht einfach fern im Himmel ist, sondern dass er im Heiligen Geist seit dem ersten Pfingstfest durch unsere Taufe zu uns kommt. Und dieser, sein Hl. Geist, wirkt als Energiequelle in unserm Innern. Wir werden nicht umkonstruiert, sondern wir werden gleichsam in Besitz genommen von der Energie Jesu. Seinen Hl. Geist lassen wir durch uns strahlen, in Glaube, Liebe, Hoffnung, und wir nutzen den Hl. Geist auch für unser Gebet.

Und damit komme ich zu Punkt drei, der Anwendung dieser Gedanken. Da sehe ich in der Zeitung neulich das Bild eurer Lainecker Barackenkirche mit eurem Pfarrer davor mit seinen Zweifeln, und darüber die Überschrift: Gemeinde hofft auf Geldsegen. Woher soll er kommen? Ja, dieser Gemeinde ist klein, und die Aufgabe ist groß. Ungefähr 1.600 Menschen sollen einen Betrag von etwa 300.000 € als Beitrag für ihre neue Kirche stemmen, pro Kopf - Kind und Greis -  also knapp 200 €. Doch darf man auch fragen: Sind 200 € eigentlich viel? Eigentlich doch nicht. Für materielle Dinge, z.B. ein Smartphone, geben wir ja schnell mal 200 € und mehr aus. Bei der Kirche sind wir meist viel geiziger. Aber bedenken wir: Bei einer Kirche geht es ja um etwas Geistliches, also um einen wesentlichen Teil unseres Menschsein, und das ist ja für uns Menschen etwas ganz Besonderes. Wie könnten wir da auf geistliche Weise und mit geistlichen Gaben um Spenden werben?

Da las ich kürzlich folgendes, und das passt zu unserm Thema „Adoption“ heute morgen. In den USA kann man ja alles Mögliche adoptieren. Man kann z.B. ein Zoo-Tier adoptieren, indem man sich dazu verpflichtet, für den Unterhalt des Tieres regelmäßige Spenden zu leisten. In diesem Sinne kann man auch Bäume oder alte Rennhunde, oder eine Landstraße adoptieren. Vorteil beim Adoptionssystem: Man weiß, wofür man spendet. Es entsteht eine persönliche Beziehung.

Das hat sich ein Orden von Franziskanerinnen zunutze gemacht, die ein neues Mutterhaus für 7 Millionen Euro finanzieren wollten. Und nun ihr Angebot für Sponsoren: Man kann eine Ordensfrau adoptieren. Wer eine entsprechende Spende leistet, bekommt eine Nonne zugeteilt, die ein Jahr lang für den Spender betet: „Rent a Nun“.

Könnte nicht auch Laineck so für Sponsorengelder werben? „Rent an Intermediator“, Adoptieren Sie einen Beter, - so könnte Ihre Sponsorenwerbung lauten. Die Idee: Sie als Gemeindeglieder stellen sich für eine solche Adoption zur Verfügung. Sie bieten öffentlich an: Ich bete 1 Jahr lang für Jemanden, und im Gegenzug sponsert dieser Jemand unsere Kirche. Denn man kann als Evangelischer ja sagen: Wir normalen Alltagschristen stehen Gott ja genauso nahe wie eine Nonne. Unsere Gebete bewirken dasselbe.

Das ist eben das großartige Geschenk dieses neuen Bundes: Jeder Gläubige trägt durch seine Taufe in sich die Energie des Hl. Geistes. Unser einziges Problem ist, dass wir oft zu wenig von dieser Energie aufs Beten verwenden. Wir sagen, wir sind zu beschäftigt. Da kennen wir von Martin Luther den paradoxen Satz: Ich habe heute viel zu tun, darum muss ich heute viel beten. Es ist nicht der Umstand, dass man eine Ordensperson ist, sondern allein diese Bereitschaft, sich intensiv auf einen anderen zu konzentrieren, trotz eigener Arbeit. Denn in Wahrheit ist es ja der Geist Jesu selbst, der in uns betet. Dieser Geist verleiht unserm Gebet Kraft. Wir sollen diesem Geist in uns den Weg frei machen, dass er wirken kann. So hätte so ein Lainecker Angebot: „Adoptieren Sie einen Fürbitter“ eine ungewohnte neue missionarische Note, wo mancher die Ohren spitzen würde.

Amen.

J.Taegert – Kirchenpingarten / Laineck 20-05-12